
»In ›Z Ypsilon X‹ finden sich Vielsprachigkeit und Vielstimmigkeit, Verwandlung, Spiel und Zartheit, Fährten, die entziffert werden wollen und Erzählungen von einer kaum zu fassenden Schönheit, schwebend, schimmernd, Perlmuttglanz.« – Angelika Klammer, Die Furche
Niemand in der Familie sprach gern über den Großvater, der als Hauptschriftleiter eine zentrale Rolle in der österreichischen NS-Propaganda innegehabt hatte. Niemand beachtete die Bücher, die dieser gesammelt hatte, Bücher von Karl Kraus, Peter Altenberg und vielen anderen, die in den Regalen der Nachkommen zusehends verstaubten. Niemand – bis hundert Jahre nach dem Tod des Großvaters das Enkelkind in ihnen zu lesen beginnt und eine ungeahnte Gegenwelt entstehen lässt. Eine Welt des Zögerns und Fragens, konturiert durch Anstreichungen und Randnotizen, Widmungen und Lesezeichen, in der das Wort nicht dem kriegstreibenden »Voran« und der Gewalt gewidmet wird, sondern all dem Unterbrochenen, Leisen, Möglichen, das scheinbar noch die Vergangenheit zu verändern weiß.
Wer sich einlässt auf Peter Waterhouse‘ groß angelegtes Prosawerk – drei Bände mit insgesamt 1600 Seiten! -, in dem in immer wieder neu unternommenen Anläufen sowohl Themen und Ereignisse aus Zeitgeschichte, Familien- und Kriegsgeschichte wie auch eigene Lektüren, Reiseberichte und situative Beobachtungen vermengt werden, dem/der wird schnell klar: Wer hier erzählt, ist kein souveräner Erzähler, der die Zügel seines Erzählens in der Hand hält und vorgibt, einem Plot mit einem Anfang und einem Ende zu folgen. Wer hier erzählt, will sich offensichtlich ganz bewusst verlieren in den zahllosen Schauplätzen, die er zur Sprache bringt und betreibt die permanente Erweiterung und Vervielfältigung seines Beobachtungsfeldes offensichtlich mit System. Waterhouse‘ Methode ist die des Zeitaufschubs, sein Buch versucht, die Zeit anzuhalten, um seine Art des Fragens und Suchens, die Arbeit des Nachlesenden, wirksam, d.h. nachvollziehbar werden zu lassen. Erkenntnis geschieht hier nicht über die Fokussierung der Ereignisse, sondern von den Rändern des Sehfeldes her. Es ist ein Augenöffnen, das die/der Leser/in aus gutem Grund als ein Geschenk betrachten darf.
Peter Waterhouse, 1956 in Berlin geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik promovierte Waterhouse 1984 mit einer Arbeit über Paul Celan. Als Autor verfasst er Gedichte, Essays, Prosa und Theaterstücke und ist zudem als Übersetzer aus dem Englischen und Italienischen tätig.
Hannes Obermair (* 1961 in Bozen) ist ein Südtiroler Historiker, Archivar und Senior Researcher bei Eurac Research, bekannt für seine Forschung zu Mittelalter, Regionalgeschichte und der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Südtirol, mit Fokus auf die Umgestaltung kontroverser Denkmäler wie das Siegesdenkmal. Er war Direktor des Stadtarchivs Bozen (2009 – 2017), Lehrbeauftragter und ist Co-Gründer der Zeitschrift „Geschichte und Region“.
Die Veranstaltung ist Teil des Rahmenprogramms von ZeLTlectio. School of Literary Translation. Peter Waterhouse, der sich auch als Übersetzer aus dem Italienischen (u.a. Andrea Zanzotto, Roberta Dapunt) einen Namen gemacht hat, ist am Samstag, 7.2. ebenfalls Gast des von Theresia Prammer geleiteten Lehrgangs zum Übersetzen von Literatur in der Cusanus Akademie.