
Wie erfahren wir Zeit, wenn Fürsorge zum Taktgeber des Lebens wird? Wenn der Körper nicht mehr nur der eigene ist, sondern wenn ein labiles Gleichgewicht zwischen Schlaf, Versorgung, Erwerbstätigkeit und Hausarbeit zum Alltag wird? Wenn Denken immer wieder unterbrochen wird und gerade in diesen Unterbrechungen eine kreative Gegenwärtigkeit entsteht?
Rosalyn D’Mello beschreibt in „Gestillte Zeit. Mutter- und doch Selbstsein“ die ersten Monate mit ihrem Sohn als eine Zeit jenseits der Linearität: zerstückelt, verdichtet, „gestillt“. Ihr Körper wird zum Ort von Versorgung und Erschöpfung, Nähe und Fremdheit, aber auch von Denken und Schreiben. Ihre Prosa ist stückhaft, fiebrig, den Moment zusammenhaltend. Dabei werden Akte des Alltags, Gesten aus dem Körpergedächnis und das Zeichenlesen einer schreibenden Mutter in die Kontexte feministischer Theorie gestellt. Arbeitsformen werden dabei befragt, während der Drang zum schöpferischen Sein selbstverständlich Teil dieses Prosatagebuchs ist.
Im Gespräch mit Barbara Walcher, Therapeutin für Emotionelle Erste Hilfe und bindungsorientierte Begleiterin, treffen am 6.11.2026 in der Dekadenz in Brixen literarisches Erleben und neurologisches Wissen aufeinander. Was macht Fürsorge mit unserem Gehirn? Wie verändern Bindung, Berührung und Co-Regulation unser Zeitempfinden? Und was weiß der Körper, bevor wir es in Worte fassen können? Aus unterschiedlichen Perspektiven fragen wir danach, wie sich ein Leben, ja, das Leben verändert, wenn die Fürsorge im Zentrum steht und wir von dort aus Zeit, Körper, Kreativität und Selbstsein neu denken dürfen?
Der Abend ist Teil der Veranstaltungsreihe Who cares – literally? #ZeLT im Keller, die Literatur zum Ausgangspunkt nimmt, um Care in all ihren Facetten zu erkunden. Im Zentrum jedes Abends stehen literarische Texte, die mit anderen Wissens- oder Erfahrungsformen in Dialog treten – etwa mit der Pflege und Betreuung von Menschen, dem Umgang mit Landschaft und urbanen Räumen oder mit der Herstellung und Bewahrung von Dingen.
Im Programm 2026-2027 nähern wir uns der Sorgearbeit in zwischenmenschlichen Beziehungen und sprechen mit unseren Gästen über unser Zusammenleben, unsere Verwundbarkeiten und über die übermenschlichen Kräfte, die Gesellschaft im Inneren zusammenhalten.
Eine Zusammenarbeit von ZeLT, Dekadenz Brixen und Raetia Verlag.
Tickets gibt es hier.
Biografien
Rosalyn D’Mello (1985) stammt aus Indien und lebt in Südtirol. Die feministische Schriftstellerin, Lektorin und Kunstkritikerin zählt zu den profiliertesten Stimmen des intersektionalen Feminismus und der zeitgenössischen Kunstkritik. Derzeit lehrt sie an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen und arbeitet mit der renommierten Sharjah Art Foundation zusammen. Sie schreibt für das Kunstmagazin Stir sowie für weitere internationale Zeitschriften. Sie veröffentlichte den Bestseller A Handbook for My Lover (HarperCollins India, 2015) sowie zahlreiche Essays in Anthologien.
„Mit „Gestillte Zeit. Mutter- und doch Selbstsein“ (erschienen 2026 bei Edition Raetia, übersetzt von Anna Jäger ins Deutsche, von Cristina Vezzaro ins Italienische) beleuchtet Rosalyn D’Mello die Vielfachrolle der Frau als berufstätige Mutter, Künstlerin und Migrantin. Was bleibt von der Frau, der Schriftstellerin, der feministischen Intellektuellen, wenn der eigene Körper zur Milchquelle für ein Kind wird? Mit emotionaler Intensität zeigt sie, dass die Zeit des Stillens trotz ständiger Suche und Bedrängnis gleichzeitig eine große Fülle mit sich bringt.
Barbara Walcher ist Kinderkrankenpflegerin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Therapeutin für Emotionelle Erste Hilfe (EEH) sowie bindungs- und körperorientierte Begleiterin. Nach über 20 Jahren klinischer Tätigkeit arbeitet sie seit mehr als zehn Jahren in freier Praxis in Brixen, wo sie Familien in emotionalen Krisensituationen begleitet. Seit rund 20 Jahren bildet sie Fachkräfte zu Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebensjahren aus. 2012 brachte sie die Ausbildung in Emotioneller Erster Hilfe nach Italien und leitet sie seither im deutschen und italienischen Sprachraum.