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ZeLTlectio_Eröffnung

Von: mehrere

Am 26. September um 19.30 ist ZeLTlectio. School of Literary Translation in der Cusanus Akademie offiziell eröffnet worden.

Nach der Begrüßung der Direktorin der Cusanus Akademie Claudia Santer und von André Comploi, Direktor der Abteilung Ladinische Kultur und Bildung informierten Alma Vallazza und Donatella Trevisan vom Team ZeLT über das Zustandekommen des Formats und seine Ausrichtung und stellten die Referentinnen und die Gäste des Abends vor.

Anschließend waren die Kursleiterinnen Theresia Prammer, Rut Bernardi und Ingrid Runggaldier eingeladen, in einem kurzen Statement ihren Zugang zum Übersetzen von Literatur bzw. zur Frage, warum sie Übersetzerinnen geworden sind, zu erläutern. Abschließend skizzierte die Graubündner Literaturwissenschaftlerin Annetta Ganzoni eine literaturhistorische Chronologie des literarischen Übersetzen aus und ins Romanische.

Die Beiträge werden im Folgenden in schriftlicher Form wiedergegeben:


Theresia Prammer
„Per carità /esci dalla virtualità“. Eine Einräumung

Sie kennen vielleicht den Satz von Ernst Jandl, der dieses Jahr einen runden Geburtstag feiert: Etwas machen, das man herzeigen kann. Nun, als Übersetzer:innen müssen wir ihn oft gegen sich selbst wenden. Etwas machen, das man hergeben muss. Und ich meine damit nicht nur Fragen der Urheberschaft, die keine Übersetzende ungeteilt für sich reklamieren kann. Nein, in einer Zeit, wo die sogenannten großen Large Language Models sich mit der Gefräßigkeit von Tyrannosauren, oder zumindest Tyrannen, unserer jahrtausendealten Kulturtechnik bemächtigt haben; steht das Literaturübersetzen noch einmal und vielleicht endgültig auf dem Spiel. Hand aufs Herz, es ist ebenso faszinierend wie bedenklich, was gerade geschieht: Die „Steinbrucharbeit“ des Übersetzens, die Elke Erb in einem Gedicht beschrieben hat, kann heute selbst-redend und im Handumdrehen (oder noch weniger: mit einer dieser charakteristischen Wisch-Bewegungen) an die Maschinen delegiert werden, ohne dass die immensen Reservoirs von Sprach-Gedächtnis, von kulturellen und individuellen Erfahrungsräumen mitbewegt werden, die das Schreiben doch ausmachen und es mit einer Semantik anreichern, die weit über die Worte hinausreicht. Von der Geschwindigkeit, mit der diese Prozesse und dieses Prozessieren geschehen, will ich gar nicht reden: Als Übersetzende fühlen uns ein bisschen wie jemand, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, ein Meisterwerk zu kopieren, ein Puzzle mit 100 000 Steinen zu vollenden, einen Palast zu rekonstruieren oder auch nur ein verwinkeltes Haus zu restaurieren, um es dann aus dem 3 D-Drucker oder als Fertig-Fabrikat geliefert zu bekommen. Darüber könnte man schon ein bisschen melancholisch werden, aber vielleicht waren wir das – La malinconia del traduttore heißt ein Buch von Franco Nasi – ja immer schon. Zugleich frage ich mich, ob das, und das ist jetzt kein rhetorischer Move, was wir gerade erleben, nicht sogar die Sternstunde des Übersetzens sein könnte, indem es uns dazu zwingt, zwischen „Sprache“ und „Sprache“, oder, mit Ilse Aichinger, zwischen Sprache und Nicht-Sprache zu unterscheiden: also als Aneinanderreihung von Worten, die der Wahrscheinlichkeits-rechnung unterliegt einerseits, und, nur äußerlich vergleichbar, als Aneinanderreihung von Worten, in Tiefenschichten verbunden mit einem menschlichen Geist oder Gemüt andererseits, wahrhaftig gar, angereichert mit dem ganz besonderen Surplus. Denn nur die Sprache, die auf diese bezeichnende Weise zu sich kommt, verdient auch den Namen Literatur. Ich meine: Übersetzerinnen, und alle Schreibenden, sind natürlich die schlechteren Rechner, informatisch und algorythmisch gesehen, dafür haben sie die innere Verbindung zu ihrer Sprache noch nicht eingebüßt. Sie ist es, die wir immer wieder aufspüren oder der wir nachspüren, wenn wir versuchen, Sätze zu formulieren, wirksam genug, um sie für Sprache zu halten. Und die wiederum uns halten, wenn sie wirklich Sprache sind. Denn Sprechen, ich glaube das ist für niemanden von uns ein Geheimnis, beruht auf Gegenseitigkeit. Und literarisches Sprechen, auch literarisch übersetzendes Sprechen, befreit Gegenseitigkeit in der Ungleichzeitigkeit und öffnet zugleich einen ganz anderen Raum. Wenn wir uns also hier im Lauf der nächsten zwei Jahre treffen werden, so tun wir das also auch, um diesem verbindenden Sprechen, diesem verbindlichen Sprechen einen Platz zu geben, mit allem, was das an Verantwortung mit sich bringt. Denn Übersetzen ist aufschließendes, zur Neuschrift geformtes Lesen; Übersetzen ist Autorschaft am anderen und es ist Mitautorschaft am Text der Literatur, der auch eine Art Schutzschicht für den Planeten darstellen könnte,Einspruch gegen die zerstörerischen Ego-Trips, die danach trachten, ihn bloß zu besetzen und eigen-mächtig unter sich aufzuteilen.

Was wir vorhaben: wir nehmen uns den letzten Gedichtband vor, den Zanzotto, im Jahr 2009 (2011 ist er gestorben) verfasst hat und mit dem er noch einmal alle seine Leser:innen überrascht hat: Weil es ein so vitales, vielstimmiges, auch vielsprachiges, verschmitztes, im Herzen unserer Gegenwart stehendes und trotzdem durch und durch mit Tradition gesättigtes Buch ist. Wir werden Conglomerati, Andrea Zanzottos dichterisches Testament, miteinander, nebeneinander, füreinander übersetzen – und uns dabei, angesichts des streckenweise recht geopetischen Geländes, das wir mit diesem Buch betreten, vielleicht wieder an die „Steinbrucharbeit“ erinnern, von der Elke Erb gesprochen hat. Wir werden im Laufe der kommenden Monate in unserer Mitte auch Gäste begrüßen: Noch in diesem Jahr erwarten wir die Autorinnen Olga Martynova und Ferdinand Schmatz, den Kritiker Roberto Galaverni und den Sohn des venetischen Dichters, Giovanni Zanzotto; im nächsten Jahr dann weitere Gäste. Mit ihnen werden wir unsere Arbeit teilen („etwas machen, das man herzeigen kann“), ebenso wie wir an ihrer Arbeit Anteil nehmen, und auch Sie, liebe Cusanus-Akademie, liebes Publikum, wollen wir über unsere Fortschritte und Irrtümer auf dem Laufenden halten. Allerdings nicht über Nacht, Sie müssen sich noch ein bisschen gedulden, denn es wäre geradezu fahrlässig, wenn wir diesen Raum, den uns die Masterclass bietet, nicht für eine Art Klausur fruchtbar machen würden, mönchisch geradezu, für Exerzitien der Versenkung und des Austauschs: um den Worten und Wendungen des Dichters nachzulauschen, sie wiederzukäuen; um den Sprachen, mit denen wir umgehen und die in uns umgehen, das Nicht-Selbstverständliche zu entlocken. Bleibt nur, uns Andrea Zanzottos, in Conglomerati geäußertem Stoßseufzer anzuschließen: „Per carità /esci dalla virtualità“. In diesem Sinne: Lassen wir uns die Worte nicht aus dem Mund nehmen! Das scheint mir fürs erste Programm genug.

Theresia Prammer, geboren 1973 in Niederösterreich, studierte Romanistik in Wien und Italien und lebt heute vorwiegend in Berlin. 2005 erschien der Band Lesarten der Sprache; 2009 die Studie Übersetzen, Überschreiben, Einverleiben. Die von ihr in Italien herausgegebene Anthologie Ricostruzioni (Mailand, 2011) stellt Stimmen deutschsprachiger Gegenwartslyrik in monographischen Kapiteln vor. Kuratorin von Festivals und Autorenbegegnungen; Jurytätigkeiten, Essays. Als Dozentin ist sie seit 2018 dem Institut für Sprachkunst Wien verbunden. 2020 gründete sie das Dante-Zentrum für Poesie und Poetik. Letzte Buchveröffentlichung: Lectura Dantis. Zeitgenössische Dichtung im Dialog mit Dantes Commedia (2025).


Rut Bernardi
L’ert dla traduzion leterera (LAD><TUD><TAL)

Bona sëira a duta cantes y a duc canc. 
L me fej dantaldut plajëi pudëi saludé tlo cun nëus nsnuet l diretëur dla repartizion dla cultura ladina André Comploi.
Salude nce de cuer duta la partezipantes dl curs de traduzion leterera.
Buona sera e un cordiale benvenuto.
Guten Abend und herzlich willkommen zur Eröffnung des Kurses der literarischen Übersetzung.

Bereits während meines Studiums der Romanistik in Innsbruck hatten wir im Curriculum die Praktikas Übersetzung, und zwar ins und aus dem Italienischen und ins und aus dem Französischen. Doch der Gedanke, dass mein späteres Autorinnen-Leben vom Übersetzen so abhängig werden würde, wäre mir damals nie eingefallen.
Bereits meine ersten literarischen Gehversuche, musste ich, ja musste ich übersetzen, denn Lesungen in Ladinien gab es nicht, und gibt es bis heute nur sehr selten, und außerhalb versteht man uns nicht.
Denn wenn man stur ist und Literatur in der Muttersprache, also auf Ladinisch schreibt, und außerhalb Ladiniens, z.B. auch nur in Südtirol, wahrgenommen werden will, gibt es bis heute nur die Option, wie sie der niederländische Autor Cees Nooteboom 1993 im Artikel Literatur steht und fällt mit dem Übersetzer in Die Weltwoche beschreibt: «Die Literatur eines kleineren Sprachgebiets kann und wird für die Welt ausserhalb dieses Sprachgebiets so lange nicht existieren, wie sie nicht übersetzt ist. […] Ohne Übersetzung nur Bücher in Geheimschrift.»
Auch Walter Belardi war davon überzeugt, dass: «La quantità delle traduzioni è […] – si dice – un parametro buono per giudicare il livello di una cultura locale che si esprima nella lingua locale, e per valutare la sua capacità di allinearsi con le altre grandi». (In: Belardi, Walter (1994): Profilo storico-politico della lingua e della letteratura ladina. Roma: Il Calamo [Biblioteca di Ricerche Linguistiche e Filologiche, 35, S. 183])
Die Geschichte der ladinischen Literatur, die ich an der Freien Universität hier in Brixen erarbeitete, wurde 2013 auf Deutsch veröffentlicht, mit der Intention unsere Literatur auch außerhalb Ladiniens bekannt zu machen. Und da hatte ich plötzlich hunderte Beispielgedichte von unseren 311 Autorinnen bzw. Schreiberinnen durch 200 Jahre zu übersetzen.
Dabei erkannte ich klar: der Großteil der Übersetzungen, die von den meisten ladinischen Autor:innen selbst ins Deutsche, Italienische, oder heute auch ins Englische gemacht wurden und werden, reichen in den Zielsprachen selten an das ladinische Original heran.
Die Diskrepanz der literarischen Qualität zwischen dem Originaltext in der Muttersprache auf Ladinisch und dem übersetzten Text war und ist bis heute erheblich, wodurch außerhalb Ladiniens der Eindruck entsteht, die ladinische Literatur könne mit den Nachbarliteraturen nicht mithalten.
Diesen meinen Eindruck bestätigt auch Jon Semadeni (1910 Vnà – 1981 Samedan) im Tages Anzeiger vom 9. 8. 1974: „Es ist kein Problem, vom Deutschen ins Romanische zu übersetzen. Das Umgekehrte jedoch ist schwierig, denn das Romanische ist eine frische, neue Sprache. Sie ist nicht abgenützt. Alles wirkt lebendig und konkret. Es besteht die Gefahr, dass Ausdrücke durch die Übersetzung farblos und sentimental werden, während sie im Romanischen kraftvoll und präzise sind.“
Auch Pier Paolo Pasolini (1922 Bologna – 1975 Ostia) schrieb bereist über den Grad äußerster sprachlicher Abnützung in der französischen und italienischen Literatur: „Schließlich findet man die Tradition, die wir naturgemäß fortsetzen werden müssen, in der heutigen französischen und italienischen Literatur, welche einen Grad äußerster Abnützung jener Sprachen erreicht zu haben scheint; während unsere [friaulische] noch auf ihre ländliche und christliche Reinheit zählen kann“. (In: Faggin, Giorgio; Zielonka, Michael (1975): Friaulische Lyrik im zwanzigsten Jahrhundert. Eine Anthologie. San Daniele: Grillo, S. 16.)
Deshalb die dringende Notwendigkeit professioneller literarischer Übersetzungen aus dem Ladinischen in eine der sogenannten großen Sprachen, um zumindest einige der mittlerweile literarisch durchaus annehmbaren Werke auch außerhalb Ladiniens bekannt zu machen.
Denn ausbleibende Übersetzungen ladinischer Literatur implizieren die Gefahr einer endgültigen Abwanderung junger Autorinnen und Autoren in andere Sprachen, wo ihnen die Möglichkeit zu einer auflagenstärkeren Publikation geboten wird, sowie Lesemöglichkeiten.

Somit wünsche ich diesem Kurs der literarischen Übersetzung, der Dank des Zënter europeich per leteratura y traduzion erfolgt, alles, alles Gute und bedanke mich ganz herzlich bei den Promotorinnen Alma Vallazza, Maria Cristina Hilber und Greta Pichler, die die Idee hatten und den Kurs initiierten.

Rut Bernardi, geboren 1962, aus St. Ulrich/Gröden, lebt in Klausen, Romanistikstudium an der Universität Innsbruck, anschließend Lehrbeauftragte für Rätoromanisch an den Universitäten Zürich, Innsbruck, München, Mann- heim und Bozen. Sie ist Autorin, Übersetzerin und Publizistin, u.a. Redakteurin für Radio und Fernsehen (z.B. Regie und Moderation der monatlichen Radiosendung L cuartet leterer im Rai Ladinia in Bozen). Sie schreibt und veröffentlicht ihre Literatur auf Ladinisch und Deutsch. Verschiedene Preise für literarische und kulturelle Verdienste. Derzeit lehrt sie an der Freien Universität Bozen, wo sie 2013 die Geschichte der ladinischen Literatur heraus- gegeben hat. Seit Juni 2021 ist sie Vorsitzende der SAAV, Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung.


Ingrid Runggaldier

Guten Abend liebe Anwesende,

Alma Vallazza hat uns gebeten, statt uns heute Abend selbst und unseren Lehrgang vorzustellen, ein wenig davon zu erzählen, warum und wie wir Übersetzerinnen geworden sind. Nun gut, ich musste zuerst ein wenig nachdenken, doch schnell ist mir bewusst geworden, dass ich eigentlich immer schon übersetzt habe, schon als kleines Kind, wie übrigens wohl die meisten, die so aufgewachsen sind wie ich: in einer ladinischen Familie, in der und um die neben dem Ladinischen noch Deutsch und Italienisch massiv präsent und lebendig waren und zwar in den Personen verschiedener Verwandter, Freunde und Bekannter. 
Bereits mit drei Jahren kam ich in den damals noch rein italienischen Kindergarten. Aus Audioaufnahmen jener Zeit hört man wie ich auf Italienisch singe und Reime und Gedichte aufsage, mit entsprechendem Akzent natürlich (den habe ich noch immer), aber offensichtlich ohne Schwierigkeiten. Die Sprache musste ich natürlich nach und nach erlernen, aber ich hatte sie wohl schon im Ohr, und ich kann mich nicht erinnern, dass ich unsere Kindergärtnerinnen nicht verstanden hätte oder dass ich darunter gelitten hätte, nicht verstanden zu werden. Das erste Schuljahr war ebenfalls ganz auf Italienisch und so erfolgte auch meine Alphabetisierung: aiuola, bimbo, casa, dado, edera und incudine waren unter den ersten Worten, die ich zu schreiben lernte.
Weiter ging’s dann mit der deutschen Sprache. Irgendwie lernte ich auch diese zu schreiben, während das Ladinische leider immer mehr unter die Räder kam: nur wenige Stunden die Woche, vielleicht eine oder zwei, in der gesungen und erzählt, jedoch kaum geschrieben wurde. Bis zum Ende der Mittelschule. Und in der Oberschule, die ich in Bozen besuchte, wurde das Ladinische gänzlich mit den Fremdsprachen Englisch und Französisch ausgetauscht. Die Schule war ein Fenster zur Welt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich mir gleichzeitig ein wenig jenes zu meiner ersten Sprache, meiner Elternsprache, verschloss. 
Übersetzt habe ich in den ganzen Jahren immer, für mich selbst, um Dinge zu verstehen, um sie mir inhaltlich anzueignen, bei Gesprächen, um sie anderen und mir selbst zu vermitteln und auf verständlichere Ebenen zu bringen. Ich will nicht sagen, dass ich die jeweiligen Sprachen damals perfekt beherrschte, ich vermischte sie auch und war abwechselnd in der einen oder anderen besser oder schlechter. Aber ich konnte mich gut damit verständigen. Und durch sie entdeckte ich Welten, immer jedoch mit dem Gefühl, nie ganz dazuzugehören, weder zum Neuen, dass ich kennenlernte, noch zum Alten, von dem ich herkam. 
Als ich 15 war, hatte ich ein traumatisches Erlebnis. Ein junger Mann aus England, war vom Dënt/Zahnkofel in der Langkofelgruppe wegen eines Blitzschlags abgestürzt und verstorben. Ian, so hieß er, war der einzige Sohn von Eve und John Roberts. Damals war bei uns zu Hause die Bergrettungszentrale und, da von den Bergrettern niemand wirklich Englisch sprechen konnte, stellte man flugs mich an, zwischen den Bergrettern, dem Pfarrer und den Eltern des Toten, die nach St. Christina gekommen waren, zu dolmetschen. Sie wollten Details des Unfalls wissen und mussten entscheiden, ob ihr Sohn in Gröden beerdigt werden sollte oder ob sie die Heimreise des Leichnams organisieren sollten. Ich stand mittendrin und musste, nachdem ich gerade erst das erste Oberschuljahr mit Englischunterricht hinter mir hatte, dolmetschen. Ich war komplett überfordert und weinte mit den Eltern, nicht nur wegen der Schwierigkeit des Übersetzens, sondern einfach, weil die Situation so emotional und traurig war. Das Schöne an der Geschichte war, dass aus diesem Unglück eine langjährige Freundschaft zwischen unserer Familie und jener des englischen Bergsteigers entstand. 
Rückblickend ist es angesichts einer solchen Ausgangslage schon verwunderlich, dass ich Übersetzerin geworden bin. Zuallererst hatte ich jedenfalls verstanden, dass ich unbedingt besser Englisch lernen musste und zwar schnell. Neben Germanistik studierte ich also Anglistik und Amerikanistik und verbrachte immer wieder Zeit bei meinen „Adoptiveltern“ in England. Ich wusste, dass ich mit Sprache arbeiten, dass ich mich mit Literatur beschäftigen wollte. Ans Übersetzen dachte ich damals eher nicht, ich war der Meinung, dass Sprachen zwar wichtig wären, aber nur, wenn man sonst auch etwas wusste und konnte. 
Wo aber war derweil das Ladinische geblieben? Während ich mich vorwiegend mit meinen Zweit-, Dritt- und Viertsprachen und deren Literaturen befasste, war meine erste Sprache, außer im täglichen Umgang mit meiner Familie und Freunden, in den Hintergrund geraten. Deshalb begann ich mich sozusagen als Autodidaktin – andere Möglichkeiten gab es nicht – vermehrt auch mit dem Ladinischen zu beschäftigen. Ich versuchte, mich an der Grammatik abzuarbeiten, meinen Wortschatz über den alltäglichen Gebrauch hinaus auszuweiten und mit der Rechtschreibung, die immer wieder mal Reformen unterworfen wurde, zurechtzukommen. Eine unentbehrliche Hilfe waren mir dabei die Grammatik von Amalia Obletter da Cudan und die Freundschaft mit Frida Piazza, die mich immer von neuem anspornte, meine ladinischen Sprachkenntnisse zu vertiefen und mich korrigierte. Lange Auseinandersetzungen mit ihr über „falsche Wörter, falsche Grammatik und falsche Rechtschreibungen“ sind mir bis heue lebhaft in Erinnerung. 
Nachdem ich 1996 einen Lehrgang für literarische Übersetzung vom Englischen ins Deutsche besuchte, fügte es sich, dass die Südtiroler Landesverwaltung einen Wettbewerb für eine Übersetzerstelle fürs Ladinische ausschrieb. Ich nahm daran teil und erhielt die Stelle. Seitdem bin ich Übersetzerin im Amt für Sprachangelegenheiten. So kam offenbar alles, wie es kommen musste. Ich kam nicht als Übersetzerin zur Welt. Ich lernte das Übersetzen bei meiner Arbeit und durch meine Arbeit. Vor allem das literarische Übersetzen, das noch einmal eine spezielle Sparte des Übersetzens ist, und, obwohl es nie zur Routine wird, einiger Erfahrung und Passion erfordert – Passion für Sprachen und die Sprache an sich, Passion für die Literatur, aber vor allem Freude am Lesen und Klauben von Worten. 

Für mich ist es ein Privileg als Übersetzerin mit meiner ladinischen Muttersprache arbeiten zu können. Danke für die Aufmerksamkeit.

Ingrid Runggaldier, Übersetzerin und freie Publizistin. Studium der Germanistik und Anglistik-Amerikanistik in Innsbruck. Seit 1997 als Übersetzerin (Ladinisch) für die Südtiroler Landesverwaltung tätig. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich mit Sprachen und Literaturen im Vergleich, Frauen- und Genderstudien, Minderheiten aller Art sowie Alpinismus- und Tourismus- geschichte. In Buchform sind u.a. erschienen: Frauen im Aufstieg (2012) und Gezahnt wie der Kiefer eines Alligators. Was Reisende über die Dolomiten schrieben (2023), unter ihren Filmdokumentationen das Portrait der Grödner Sprachforscherin und Schriftstellerin Frida Piazza „Worte im Kopf“ (dt./lad. 2004). Sie ist Mitgründerin und Mitredakteurin der ladinischen Frauenzeit- schrift „Gana, la Usc dles ladines“ (erscheint seit 2007) und in mehreren Vereinen und Gremien engagiert, etwa in der Cunsulta ladina de Bulsan und im Frauenarchiv der Stadt Bozen. Sie lebt und arbeitet in St. Ulrich/Gröden und Bozen.


Annetta Ganzoni, dr. phil., *1958 in Celerina / Engadin, lebt in Bern und Müstair. Romanistin, Publizistin, Editorin. Promotion zum poetischen Schreibprozess von Andri Peer. 1997–2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schweizerischen Literaturarchiv. Arbeitet zurzeit als freischaffende Literaturvermittlerin und als Stiftungsratspräsidentin der Fundaziun de Planta Samedan. 

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